Fluss frei!

Weiches Wasser versus harter Stein, dynamisch fliessend versus statisch stehend, natürlich und lebendig versus künstlich und tot. 

Wo dynamische, fliessende Prozesse auf starre Hindernisse treffen, kommt es zu Problemen – Tempo prallt auf Stillstand, die Dynamik bleibt auf der Strecke und es bleiben unterbrochene, statische Teilstücke zurück. Die Fliessgewässer der Schweiz zeigen genau diese Problematik auf: durch über 100’000 Hindernisse verbaut und zerstückelt, leidet ihre Dynamik – und mit ihr alle darin lebenden Tiere und Pflanzen, allen voran Wanderfische wie die Nase oder der Lachs. Diese werden in ihrer Wanderung zu ihren Laichhabitaten gehindert, finden keine geeigneten Rückzugsorte mehr oder können keine neuen Lebensräume mehr erschliessen. Zeit dies zu ändern, Zeit die Vernetzung wiederherzustellen – Zeit die Flüsse wieder zu befreien!

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Quelle: DamNation Film

Mehr als 100 x 1001  Hindernisse, leider kein Märchen

Obwohl sich die Qualität der Schweizer Fliessgewässer in vielen Bereichen stark verbessert hat, z.B. mit dem flächendeckenden Bau von Abwasserreinigungsanlagen, bleiben die Fliessgewässer laut neusten Zustandsberichten die am meisten bedrohten und beeinträchtigen Lebensräume der Schweiz. Gemäss einer kürzlich veröffentlichten Studie des WWF Schweiz befinden sich weniger als 5% der Schweizer Fliessgewässer noch in einem natürlichen bzw. naturnahen Zustand. Gerade im Mittelland dominieren Verbauungen und Anlagen von Wasserkraftwerken, welche die Flüsse aufstauen, ihrer Dynamik berauben und die Vernetzung unterbrechen. Schweizweit stehen mehr als 100’000 künstliche Hindernisse von über 50 cm Höhe in den Gewässern, nimmt man die kleineren dazu, steigt die Zahl auf mehrere 100’000 – d.h. durchschnittlich alle 650 m ein Hindernis. Die Schweizer Fliessgewässer gehören damit weltweit zu den am stärksten fragmentierten Gewässersystemen.

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Allein im Kanton Zürich wurden 30’141 künstliche Abstürze kartiert. Damit existieren pro Fliesskilometer durchschnittlich 11 künstliche Querbauwerke! Am stärksten sind hierbei die kleineren Fliessgewässer zwischen 600 und 1200 m.ü.M. betroffen. In der 59.7 km langen Töss finden sich beispielsweise ganze 568 künstliche Querbauwerke. Im Schnitt alle 100 m befindet sich ein Hindernis im Gewässer und erschwert so die Wanderung der Wasserlebewesen – eine eigentliche Abfolge von Staustrecken.

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Wanderrouten des Atlantischen Lachses. Quelle: salmoncomeback.org, (c) Jörg Lange

Diese Barrieren verhindern die Entwicklung von intakten Lebensräumen, sie vermindern den Geschiebetransport und v.a. unterbrechen sie die für viele Pflanzen- und Tierarten so wichtige Längsvernetzung der Gewässer.  Darunter leiden insbesondere die Fische: 58% aller Schweizer Fischarten stehen auf der Roten Liste, acht Arten sind gar bereits ausgestorben. Darunter die majestätischen Wanderfische Lachs, Maifisch und Stör. Sie sind, wie alle Wanderfische, darauf angewiesen, die Flüsse und Bäche hinauf- oder hinabwandern zu können, zu ihren Laichgebieten, um sich dort fortzupflanzen. Eine funktionierende Längsvernetzung ist aber nicht nur für die Fische wichtig, auch für alle anderen Wasserlebewesen ist sie essentiell: sei es um an geeignete Rückzugsorte zu gelangen, Nahrung zu finden, sich fortzupflanzen oder neue Lebensräume zu erschliessen. Zu kleine, isolierte Populationen sind langfristig nicht überlebensfähig.

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Ein gestrandeter Chinook Lachs unterhalb des (mittlerweile entfernten) Elwha Damms. Quelle: DamNation Film

Ein Biodiversitäts-Hotspot in Gefahr

Flüsse und Bäche sind wahre Quellen des Lebens und bringen eine unglaubliche Vielfalt an Tieren und Pflanzen hervor. Intakte Auenlandschaften beherbergen ganze 84% aller heimischen Arten, 10% der Arten kommen nur dort vor. Idealerweise bildet jeder Fluss- oder Bachabschnitt im Flachland ein kleines Mosaik aus schnell fliessenden Strecken, Kiesbänken, ruhigen, sandigen Buchten, erodierten Ufern und stehenden Altarmen. Gesäumt werden diese von Auenwäldern und Feuchtwiesen mit zahllosen Tümpeln, welche durch Überschwemmungen oder aufstossendes Grundwasser immer wieder neu gebildet werden. All diese Lebensräume sind eng miteinander vernetzt und bilden ein vielfältiges Ökosystem. Viele Lebewesen brauchen das enge Nebeneinander von verschiedenen Lebensräumen, zwischen welchen sie je nach Jahreszeit oder Lebensphase wechseln können. Vielfältige Lebensraumbedingen bringen eine vielfältige Tier- und Pflanzenwelt hervor – deshalb gilt es unbedingt dafür zu sorgen, dass diese zeitliche und räumliche Ökosystemvielfalt erhalten bleibt.

Diese Lebensraumvielfalt kommt aber nur durch eine entsprechende Dynamik zustande. Auen sind unbedingt darauf angewiesen, dass sie in mehr oder weniger regelmässigen Abständen von Hochwassern überflutet werden. Diese Überschwemmungen wirken jeweils wie eine Art «reset-button»: sie verhindern das Zuwachsen der Aue, bilden neue Kanäle, bringen neues Geschiebe und Totholz und schaffen so wieder neue Lebensräume. Wird durch Hindernisse Geschiebe zurückgehalten und nicht mehr weiter transportiert, tiefen sich die Gewässer in der Folge immer weiter ein. Seitenkanäle werden abgeschnitten und temporäre Gewässer fallen permanent trocken. Dies hat natürlich fatale Folgen für jene Arten, welche genau auf solche Lebensräume angewiesen sind, wie z.B. diverse Amphibien- oder Insektenarten. Zudem verdichtet sich die Gewässersohle zusehends, worunter wiederum die kieslaichenden Fischarten und die im Bachbett lebenden Makrozoobenthosarten leiden.

Die ökonomische Dimension

Viele Wasserkraftanlagen haben aufgrund der tiefen Strompreise und der wachsenden
Konkurrenz aus den neuen erneuerbaren Energien zu kämpfen, damit sie überhaupt noch rentabel produzieren können. Eine etwas differenziertere, kritische Betrachtung solcher Objekte ist deshalb angebracht. Viele Hindernisse haben weder einen ökonomischen Wert, noch sind sie unabdingbar für den Hochwasserschutz – sie könnten also ohne Nachteile zurückgebaut werden. Im Gegenzug profitieren Tier- und Pflanzenarten von vernetzten, dynamischen Lebensräumen. Und nicht nur das: Intakte Gewässer sind essentiell für die Trinkwasserversorgung und die Grundwasseranreicherung. Sie sind weniger anfällig gegenüber Extremereignissen oder den Auswirkungen des Klimawandels und bieten einen natürlichen Hochwasserschutz. Ausserdem sind lebendige, abwechslungsreiche Gewässer auch attraktive Erholungsräume für den Menschen. Flüsse, Bäche, Seen und Weiher spielen im Tourismus eine entscheidende Rolle. Es sollte demnach also auch im ureigenen Interesse der Menschen sein, ein möglichst intaktes Gewässersystem zu erhalten.

Fluss frei: Hindernisse entfernen, Vernetzung wiederherstellen

Im Rahmen meiner Tätigkeit bei Aqua Viva betreue ich als Projektleiter unter anderem das Projekt Fluss frei!. Fluss frei! will einen Kontrapunkt setzen zum Trend der zunehmenden Zerstückelung unserer Fliessgewässer. Übergeordnetes Ziel des Projektes Fluss frei! ist die Revitalisierung von kleinen bis mittleren Flüssen. Durch den gezielten Rückbau von Hindernissen sollen die Vernetzung wiederhergestellt und die Fliessgewässer insgesamt aufgewertet werden. Anstelle des Baus von neuen (Klein)Wasserkraftwerken oder Hochwasserverbauungen soll die Frage gestellt werden, wo und wie bestehende Hindernisse zurück gebaut werden können, um dem Gewässer wieder seine ursprüngliche Dynamik zurückzugeben und fragmentierte Lebensräume wieder zu verbinden. Langfristig müssen alle unnötigen Bauwerke aus unseren Bächen und Flüssen verschwinden. Da dies aber natürlich auch immer mit Kosten verbunden ist, werden in diesem Projekt prioritär jene Hindernisse identifiziert, welche das grösstmögliche Kosten-Nutzen-Verhältnis für die Natur und damit das grösste Rückbaupotenzial bieten. Und bei der Theorie soll es nicht bleiben: das Projekt sieht vor, mindestens ein unnötiges Hindernis konkret zuurückzubauen.

Dabei beschäftigt sich das Projekt in den ersten Jahren mit dem Kanton Zürich. Ziel ist es aber, die gewonnen Erkenntnisse und Produkte anschliessend auch auf andere Kantone übertragen zu können und so Schweiz weit die Vernetzung der Fliessgewässer zu verbessern.

Das Projekt ist in vier Module aufgeteilt und läuft in einer ersten Phase bis Ende 2019. Als erstes werden die bestehenden Kartierungen der Hindernisse für ausgewählte Einzugsgebiete analysiert, nach Bedarf ergänzt und typisiert. Basierend auf dieser Analyse werden anschliessend mögliche Rückbauobjekte identifiziert. Jene Hindernisse, welche unabdingbar sind (weil sie z.B. essentiell für den Hochwasserschutz sind), werden ausgeklammert. Die verbleibenden Hindernisse werden nach ökologischem Potenzial, dem grösstmöglichen Kosten-Nutzen-Verhältnis sowie technischer Machbarkeit bewertet. Für die ökologische Bewertung ist zentral, wie lang die durch den Rückbau neu vernetzte Strecke wäre, ob Schutzgebiete oder seltene, schützenswerte Arten davon profitieren würden oder ob natürliche Laichgebiete von Fischen allenfalls wieder erschlossen würden. Schliesslich sind, insbesondere bei wasserkraftbedingten Hindernissen, die ökonomischen Begebenheiten entscheidend. Wie rentabel ist dieses Kraftwerk noch? Macht es wirklich Sinn, ein Kraftwerk noch teuer zu sanieren, wenn es längst nicht mehr gewinnbringend arbeitet? Wäre ein Rückbau nicht auch aus ökonomischer Sicht sinnvoller?

In der Folge werden von den ausgewählten Hindernissen mit grossem Rückbaupotenzial
eines oder mehrere Objekte für das Pilotprojekt ausgewählt. Gemeinsam mit Praxispartnern wird der Rückbau dieser Objekte geplant, um diese schliesslich im letzten und zugleich wichtigsten Schritt aus dem Gewässer zu entfernen. Dieser Rückbau soll aber weniger ein «krönender Abschluss» als vielmehr ein Startschuss sein für weitere Rückbauprojekte, für weniger Hindernisse in unseren Flüssen und Bächen, für vernetztere, artenreichere Gewässer.

Nebst den erarbeiteten Produkten und Methoden soll parallel aber auch generell die Akzeptanz und das Verständnis für den Mehrwert von Revitalisierungen von Fliessgewässern gesteigert werden. Viele Revitalisierungsbemühungen stossen zuweilen auf grossen Widerstand, was ihre Umsetzung immer wieder erschwert. Es herrscht die landläufige Meinung vor, unseren Gewässern gehe es gut – dem ist nicht so! Wie eingangs geschrieben, kann man aktuell gerade einmal bei knapp 5% der Schweizer Gewässer von einem natürlichen, naturnahen Zustand sprechen – der ganze Rest befindet sich in einem mässig bis stark beeinträchtigten Zustand. Es  ist Zeit, dies zu ändern, diese Entwicklung zu stoppen bzw. so weit wie möglich wieder rückgängig zu machen. Dieses Projekt soll unter anderem auch aufzeigen, wie natürliche, hindernisfreie Gewässer überhaupt aussehen könnten und welches enorme Potenzial in Revitalisierungsmassnahmen wie dem Rückbau steckt. Der Wert von natürlichen, artenreichen Gewässern, die Begeisterung für freifliessende, wilde Gewässer soll der breiten Bevölkerung nähergebracht werden. Denn schlussendlich profitieren alle von lebendigen Flüssen und Bächen: seien es Fische, Insekten, Pflanzen oder eben auch der Mensch.

Wohin soll die Reise gehen?

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Rückbau des Boñar Wehrs, LIVE während des Dam Removal Europe Workshops in Leon (ESP)

In anderen Ländern, allen voran der USA, hat dieser Rückbauprozess bereits Fahrt aufgenommen. So wurden in der USA mittlerweile bereits über 1000 Hindernisse zurückgebaut und auch in Europa startet diese Bewegung langsam (mehr dazu unter Dam Removal Europe). Die Erfahrungen aus diesen bereits umgesetzten Projekten sind durchwegs positiv: Die betroffenen Flüsse haben sich in kurzer Zeit erholt  und wieder ihrem Ursprungszustand angenähert. Und auch die Fische – in den USA vorwiegend der Lachs – haben schnell wieder den Weg zurück zu ihren Laichgründen gefunden. Das Bewusstsein für den Wert natürlicher Gewässer verbreitet sich entsprechend und zieht immer weitere Kreise. So hat sich über die letzten Jahre in den USA eine kraftvolle Rückbaubewegung gebildet, welche bereits grosse Erfolge feiern konnte(z.B. den Rückbau des 64 m hohen Glines Canyon Damms  oder des 32 m hohen Elwha Damms). Natürlich sind die Gegebenheiten in den USA in vielerlei Hinsicht unterschiedlich zu jenen in der Schweiz, nichtsdestotrotz zeigen diese Erfahrungen das enorme Potenzial dieser Massnahme und machen Mut, diesen Prozess auch in der Schweiz zu lancieren.

Mehr zu Fluss frei! >>

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Quelle: Americanrivers

Ich als Projektleiter von Fluss frei! hoffe, dass wir mit diesem Projekt die Fliessgewässer der Schweiz wieder ein Stück natürlicher machen können. Dass die Fischez und andere Wasserlebewesen wieder unbeschwerter wandern können und sich in unseren Gewässern wohler fühlen. Ich möchte den Flüssen und Bächen die Dynamik zurückgeben, die sie brauchen, um all die wichtigen Funktionen zu erfüllen, auf die Tiere und Pflanzen, aber auch der Mensch unbedingt angewiesen sind. Die Fliessgewässer sollen wieder fliessen, sie sollen wieder durchgängig sein und nicht bloss eine Abfolge von monotonen Staustrecken ohne Dynamik und Abwechslung. Die unglaubliche Vielfalt an Tieren und Pflanzen, welche intakte Fliessgewässer beherbergen,die beeindruckende Dynamik von wilden, ungebändigten Flüssen, die einzigartige Schönheit und Idylle, welche natürliche Wasserlandschaften ausstrahlen – all das gilt es zu erhalten bzw. wiederherzustellen.

Flüsse und Bäche sind die blauen Lebensadern unserer Natur, sie bilden das Herzkreislaufystem unseres Planeten – lasst sie uns wieder freilegen, wieder vernetzen, lasst sie wieder fliessen… noch vor dem Herzinfarkt!

Getreu der Aufforderung von Baumbart…

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