Die Sense: wild, ungezähmt, lebendig – und auf jeden Fall einen Besuch wert!

Senseauen

Senseauen bei Schwarzenburg

Donnerstag morgen, 8 Uhr, das Klackern von Dutzenden von Wanderstöcken auf dem Perron, viele Heiris und Vrenis die nach Trudis und Freddys suchen, ein total überfüllter Zug.. und wir mitten drin – richtig, es muss Auffahrt sein!
Kein Wunder, hatte der Wetterbericht doch Kaiserwetter versprochen und wie sich herausstellte, auch Recht behalten. Wir hatten auch unsere Wandersachen gepackt (allerdings ohne Stöcke!) und machten uns mit Kaffee und Gipfeli bewaffnet auf den gut 2-stündigen Weg ins Bern-Fribourgische Grenzgebiet: ab nach Schwarzenburg, ab an die Sense!

In Schwarzenburg angekommen waren wir erstmal froh, aus dem vollen Zug auszusteigen und noch ein wenig erleichterter, als sich der Grossteil der mitgereisten Wandervögel in eine andere Richtung aufmachte als wir es taten. Der Weg führte uns dann erstmal quer durch Schwarzenburg – wobei es da nicht allzu viel zu entdecken gab, da Schwarzenburg mit total 6779 Einwohnern nicht gerade eine Grossstadt darstellt – vorbei an einigen herrlich blühenden Blumenwiesen und gelb leuchtenden Rapsfeldern und fiel dann schon bald leicht ab, hinunter Richtung Sense. Die vielen parkenden Autos deuteten dann auch schon an, dass man sich hier wohl einem wirklich schönen Plätzchen Natur näherte. Wir folgten also dem Weg weiter hinunter und kamen erstmal zur Ruine der Grasburg, welche dort in einem Schlenker der Sense, hoch oben auf einem Felsen einst erbaut wurde. Wir beschlossen auch diese paar Stufen zur Burg hinauf noch zu nehmen und wurden mit einem fantastischen Blick über die Senseauen belohnt: aus dieser Perspektive konnte man richtig schön die ganze Ausdehnung der Aue erkennen, mit all ihrer Dynamik, Vielfalt und Natürlichkeit!

Sowohl die Sense, als auch das benachbarte Schwarzwasser, gehören zum Regionalen Naturpark Gantrisch. Dieser liegt im Dreieck zwischen den Bern, Freiburg und Thun und beinhaltet nebst diesen Gewässerperlen noch Sehenswürdigkeiten wie den Gäggersteg, die Klosterruine Rüeggisberg oder natürlich das „Vreneli am Guggisberg„.

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Der Sensegraben gilt ausserdem als Auengebiet von nationaler Bedeutung und ist entsprechend geschützt. Die Sense gehört zu den letzten intakten Flusssystemen der Schweiz, beherbergt eine Vielzahl von seltenen Tier- und Pflanzenarten und ist entsprechend wertvoll und schützenswert. Dadurch, dass sie auf weiten Strecken noch unverbaut ist und frei fliessen kann, kann die gesamte Dynamik des Wassers weiterhin wirken und lässt die unterschiedlichsten Lebensräume entstehen: schnell und langsam fliessende Gewässer, trockene, sonnenexponierte Sand- und Kiesbänke, Feuchtwiesen, unterschiedliche Gebüsche, Weich- und Hartholzauen in allen Sukzessionsstadien. Ein wahres Lebensraummosaik, das die Lebensraumansprüche der unterschiedlichsten Tier- und Pflanzenarten befriedigen kann – und auch der Grund, weshalb Auen für die Biodiversität so wichtig sind.

So findet man in den Senseauen z.B. die seltene Gelbbauchunke (Bombina variegata), eine Amphibienart, welche auf frisch entstandene, sich rasch erwärmende Tümpel angewiesen ist. In verschiedene solcher temporärer Tümpel legt sie dann ihre Eier ab und verteilt so das Risiko, dass einige Eier durch Austrocknung sterben oder durch Hochwasser weggeschwemmt werden. Und wieso wählt sie gerade solche austrocknenden, temporären Tümpel? Nun, diese haben den grossen Vorteil, dass sie anders als mehrjährige Weiher meist viel weniger Fressfeinde, wie z.B. Fische, beherbergen.

cicindela

Feld-Sandlaufkäfer (Cicindela campestris)

Die Gelbbauchunke gehört zu den sogenannten „Pionierarten“. Damit sind Tiere und Pflanzen gemeint, welche darauf spezialisiert sind, neu entstandene Lebensräume in kürzester Zeit zu besiedeln und sich fortzupflanzen. Darunter fallen beispielsweise verschiedene Insektenarten, wie z.B. der Feld-Sandlaufkäfer (Cicindela campestris), welche bevorzugt auf Kies- und Sandbänken anzutreffen sind und dort nach Ameisen, Spinnen und anderen Käfern jagen. Sie sind sehr mobil und können so einerseits plötzlich auftretenden Hochwassern gut ausweichen, andererseits aber auch neu aufgeschüttete Kiesbänke schnell wiederbesiedeln. Häufig besteht auch ein grosser Anteil ihrer Nahrung aus gestrandeten Wasserinsekten, welche durch Hochwasser angeschwemmt worden sind.
Nebst der Gelbbauchunke und dem Feld-Sandläufer findet man in den Senseauen auch noch Schlingnattern, Flussuferläufer oder Biber.

All die oben genannten Arten sind darauf angewiesen, dass

a) sich das Gewässer einigermassen frei bewegen kann, sein Lauf also nicht beidseitig vorgegeben ist (wie in einem Kanal)

b) insgesamt genügend Wasser vorhanden ist um das gesamte Auensystem (inkl. Grundwasser, Seitenkanälen etc.) versorgen zu können (

c) in unregelmässigen Abständen wieder mal ein Hochwasser durchgeht und dafür sorgt, dass die Aue nicht einwächst und wieder neue Lebensräume entstehen (z.B. neue Kiesbänke, neue Seitenarme, neue Tümpel) und schliesslich, dass

d) genügend Geschiebe (Kies, Steine etc.) nachgeliefert wird, sodass bei Hochwassern nicht nur Geschiebe abgetragen sondern auch eingebracht wird (damit sich die Sohle des Hauptkanals nicht eintieft und gewisse Seitenarme plötzlich abgeschnitten werden).

Sind all diese Voraussetzungen erfüllt – was leider in der Schweiz nur noch bei ein paar wenigen Gewässerabschnitten der Fall ist – entwickeln sich eben solch wunderbar wilde Fliessgewässersysteme, wie es die Sense ist  und laden uns wiederum dazu ein, an ihren Ufer zu verweilen, auf ihren Kiesbänken zu bräteln und in ihren natürlichen Pools zu baden. Es profitieren also Pflanzen, Tiere und auch wir von natürlichen, unverbauten Flüssen – eine klassische WIN-WIN-WIN-Situation! (mal abgesehen vllt. von ein paar Wasserwerkbetreibermenschen und so…)

Nachdem wir also von der Grasburg in die Senseschlucht abgestiegen und die Sense über den Harrisstäg überquert hatten, ging es auf der anderen Seite direkt wieder hoch, über Harris und Wallismatt hoch nach Albigen. Diesbezüglich hier noch ein kleiner Tipp am Rande, für Leute, die nicht unbedingt Hundefans sind oder gar etwas Angst vor Hunden haben: macht besser einen kleinen oder auch grossen Bogen um den Pferdehof „Bode“ unterhalb Albigen; wir wollten dort lediglich  ein wenig die Pferde und Esel begutachten – notabene vom Wanderweg aus! -, was allerdings zwei Appenzeller Sennenhunde auf den Platz rief, welche ihren Hof allem Anschein nach wohl bis aufs Äusserste verteidigen würden. Wir hatten wirklich ein wenig Angst um unsere schönen Wandererwaden, weshalb wir dann den geordneten Rückzug, möglichst ohne hastige Bewegungen, antraten..
Mit einem entsprechend hohen Adrenalinspiegel zogen wir dann weiter, durchquerten Albigen und machten uns langsam auf die Suche nach einem Picknickplatz fürs Mittagessen. Kurz darauf wurden wir ein wenig oberhalb Albigen dann auch fündig und verspeisten unsere Cervelats vor herrlichem Bergpanorama.. und glücklicherweise ganz ohne gefrässige Sennenhunde!

Frisch gestärkt ging es nach dem Mittag dann weiter, vorüber an leuchtend gelb blühenden Rapsfeldern und saftigen Kuhweiden, langsam wieder hinunter Richtung Sensetal. Kurz nach dem Zusammenfluss mit dem Schwarzwasser, gelangten wir  gegenüber vom „Büffel“ dann wieder hinunter zur Sense – und trafen sogleich, wie schon rund um den Harrisstäg, auf Dutzende Erholungssuchende, welche dort auf den Kiesbänken brätelten, spielten, sich sonnten – einige trauten sich sogar bereits ins kühle Nass! (das dürfte zu diesem Zeitpunkt erst knapp die 10°C-Marke erreicht haben..)

Anschliessend ging es einem wunderbaren Uferweg direkt der Sense entlang noch eine gute halbe Stunde weiter bis nach Thörishaus, wo wir schliesslich – gut 5.5h (inkl. Pausen) später – wieder in den Zug einstiegen.

Alles in allem hat uns diese Wanderung sehr gut gefallen. Wir hätten uns vielleicht gewünscht, dass diese „Sense-Wanderung“, wie sie betitelt ist, insgesamt noch ein wenig mehr wirklich der Sense nach geht – doch auch die Felder, Wiesen und Obstbäume in voller Blüte waren natürlich ein voller Genuss! liste
Da wir hiermit ja erst ein winziges Teilstück der Sense erkundet haben, werden wir uns in nicht allzu ferner Zukunft bestimmt wieder einmal aufmachen ins Bernische bzw. Fribourgische, um auch noch andere Strecken dieses Naturjuwels zu entdecken.

 

 

 

 

Ich persönlich war enorm beeindruckt von der unglaublichen Vielfalt und Dynamik, welche ich in den Senseauen vorfand – es hat mir einmal mehr eindrücklich gezeigt, wie wunderschön natürliche Flüsse, natürliche Lebensräume sein könn(t)en.. und mich in meiner Arbeit beim WWF oder in Zukunft auch bei Aqua Viva erneut bestärkt.

In diesemSinne:

Free the rivers!

Fotos: Franziska Kiss und meine Wenigkeit

4 Gedanken zu „Die Sense: wild, ungezähmt, lebendig – und auf jeden Fall einen Besuch wert!

  1. Liebe Wandervögel
    Das ist ein herrlicher Wanderbericht , eindrücklich bebildert, von einem sehr attraktiven Flecken,
    uns reizt diese Gegend, aber der lange Anfahrtsweg. Man müsste da mehrere Tage verbringen,
    unser Favorit ist das Guggershörnli. Danke für die Reportage und schneidige Füsse und liebe Hunde
    (die gibt es auch, je nach Halter) für die nächsten Unternehmungen.
    Renate und Häns

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    • Liebe Berggeissen aus dem Rheintal
      Haja, der Anfahrtsweg ist natürlich ein wenig weiter als auf den Pizol hoch – aber m.M.n. lohnt er sich auf jeden Fall. Und ja genau, sonst geht man halt mal ein paar Tage am Stück oder grad eine ganze Woche – Zeit hättet ihr ja? 😉 Euch wünsch ich natürlich auch ein gutes Paar Wanderfinken und immer schön knackige Cervelats – die helfen zur Not sonst auch bei gefrässigen Hunden..
      Liebe Grüsse, Christian

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  2. Eine interessante Wanderung durch eine mir unbekannte Gegend. Bei der nächsten Wanderung wünschte ich mir eine Karte mit eingezeichnetem Wanderweg. Oder ist das aus urheberrechtlichen Gründen nicht möglich?

    Herzliche Grüsse Rolf

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