Der Wilde Westen von Luzern – zwischen Fliegenpilzen und Herbstzeitlosen

Fliegenpilz (Amanita muscaria)

Fliegenpilz (Amanita muscaria)

Es war einmal.. eine Handvoll guter Freunde, die wollten gemeinsam in den Urlaub fahren. Ein gutes Jahr vorher wurde mit der Planung begonnen, die Euphorie war gross, das Ergebnis eher „bescheiden“ – aus beruflichen und anderen Gründen konnte keine Woche fixiert werden, die allen entsprochen hätte. Also reduzierte man das Vorhaben auf ein verlängertes Wochenende, ein Städtetrip, eine 2-tägige Wanderung mit Hüttenaufenthalt oder dergleichen – wieder scheiterte das Vorhaben an den unglaublich vollen Terminkalendern der Teilnehmenden. Bereits ein wenig frustiert und desillusioniert einigte man sich schliesslich auf eine 1-tägige Wanderung.. und diese fand dann tatsächlich – wenn auch nicht in „Vollbesetzung“ – letzten Sonntag statt!
Frühmorgens machte man sich auf in Richtung Zentralschweiz, eine Rundtour im UNESCO Biosphäre Reservat Entlebuch stand auf dem Programm – ein Erfahrungsbericht vom „Oberwandervogel“.
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Auf 400 Quadratkilometern breitet sich eine mystische Welt aus, die Ruhe, Inspiration und Entspannung verspricht: Unberührte Moorlandschaften, idyllische Alpweiden oder die majestätisch in den Himmel ragende Schrattenfluh sorgen für Erlebnisse der ganz besonderen Art.“

Na wenn das mal nicht vielversprechend klingt.. also brachen die einen von Winterthur, die andern von Thun aus Richtung „Gfellen“ im Entlebuch auf, von dort aus sollte es der Grossen Entle entlang, über Chätterech und Under und Ober Loegg nach Schimbrig gehen. Zu Beginn zeigte sich der Himmel noch in einem einheitlichen, dichten Grau, im Verlaufe des Morgens wurde diese Decke aber immer lichter, bis am Mittag die Sonne schliesslich vollends die Überhand gewann und den Himmel in einem satten Blau erstrahlen liess.

Die ersten paar Kilometer führten, sanft ansteigend, durch lichte Wälder und später offene Weiden und Wiesen talaufwärts bis nach Chätterech, einer kleinen Alp, wo wir uns ein erstes Mal stärkten. Diese Stärkung war, wie sich nachher herausstellen sollte, auch bitter nötig – anschliessend ging es nämlich quasi rechtwinklig zu den Höhenlinien den Hang hinauf, was bei einigen zu pferdemässigem Schnauben und Schnaufen, übersteigerter Transpiration und einigen Kraftausdrücken führte..
Oben angekommen wurde man aber – wie eigentlich immer – für die ganze Mühe belohnt, mit einer wunderbaren Rundumsicht auf die angrenzenden Täler des Entlebuch.

Nachdem wir mit der Oberen Loegg den höchsten Punkt unserer Wanderung erreicht hatten, ging es fortan stetig leicht abwärts, die gewonnenen Höhenmeter galt es ja wieder abzubauen. Mit dem Überqueren der Loegg und dem Wechsel zur Nordseite des Schafschimberig, wechseltet sich aber ziemlich schlagartig das gesamte Erscheinungsbild. Wo vorher noch satte Grüntöne dominiert hatten, präsentierten sich die Hänge auf dieser Seite zu grossen Teilen in Braun-, Rot- oder auch Gelbtönen, überall gab es Rutschungen und offenen Boden. Was war passiert?
Offensichtlich wechselten wir von südexponierten, eher trockenen Hangwiesen, zu nordexponierten, ziemlich feuchten Hang- und Flachmooren. Da die Bedingungen in Moorgebieten grundlegend verschieden von jenen eher trockener Hangwiesen, bilden diese auch ganz andere Pflanzengemeinschaften aus, was natürlich auch zu einem anderen Erscheinungsbild führt. Nur eine begrenzte Anzahl hochspezialisierter Arten kommt mit den extremen Bedingungen in einem Moor aus. Sie müssen säurebeständig sein und mit einem extrem nassen und deshalb sauerstoffarmen, sowie sehr nährstoffarmen Boden klar kommen. Vertreter dieser Lebensräume sind z.B. verschiedene Heidearten, Seggen oder auch das gut erkennbare Wollgras (Eriophorum sp.). Nebst den höheren Pflanzen, sind die Torfmoose (Sphagnum sp.) von entscheidender Bedeutung für die Entstehung von Mooren. Sie sind hervorragend an die extremen Bedingungen angepasst und können selbst in geringsten Mengen vorkommende Nährstoffe aufnehmen. Aufgrund des permanent vorherrschenden Sauerstoffmangels, werden die Überreste der Moose und Pflanzen jeweils nur unvollständig abgebaut und es bildet sich Torf. Häuft sich dieser Torf über die Zeit immer mehr an, wächst die Oberfläche eines Moors stets ein wenig höher. Leider haben auch die Moore (wie die Auen) in den letzten Jahrzehnten drastisch an Fläche verloren. Grund dafür sind meist land- oder forstwirtschaftliche Massnahmen, insbesondere Drainagen. Diese entziehen den Mooren ihr Wasser, die vorher wassergefüllten Poren im Torf sacken zusammen, der Boden wird besser belüftet, die Moose ziehen sich zurück und es entsteht Schritt für Schritt eine „normale“ Wiese und später vielleicht sogar Wald – dabei gehen natürlich all die hochspezialisierten Pflanzen- und Tierarten eines Moors und damit ein grosses Stück Biodiversität verloren.
Dazu ein paar passende Bilder, wie wir sie auf dieser Wanderung vorgefunden haben:

Wir wanderten dann noch ein paar Höhenmeter weiter runter, machten kurz einen Boxenstop im „Schimbrig Bad“ (kleiner Tipp am Rande: das Panaché dort schmeckt, wie es ausschaut..) und fanden dann schliesslich einen wunderbaren Mittags- und Brätelplatz, wo wir uns ausgiebig und nach allen Regeln der Wanderkochkunst verpflegten. Nebst dem standardmässigen Cervelat gab es da z.b. noch ein beinahe waschechtes „Wallisser Plättli“ mit Käse, Rohschinken und passendem Weisswein, dazu gab es Tomatensuppe und Feigen und Brot und was man sonst noch alles so braucht.. und anschliessend natürlich allerhand Guezli, Kuchen und andere Leckereien. Wir waren wirklich mehr als gut versorgt..

Frisch gestärkt und voller Elan ging es anschliessend bei schönstem Wetter weiter. Stets begleitet von einer fantastischen Weitsicht ins Entlebuch führte der Weg vorbei an wunderschön herbstlichen Wäldern und Mooren immer weiter hinab, bis wir nach gut 6h (ca. 4h effektive Marschzeit) wieder in Gfellen eintrafen.

Leider war damit noch keiner von uns auch nur annähernd in heimischen Gefilden, weshalb allen noch eine wundervolle längere Zugfahrt in einem überfüllten Sonntagabend-Zug bevorstand – die „Strapazen“ des Tages zeigten dann allerdings ihre Wirkung, weshalb der Grossteil der Fahrt von allen schlafend bewältigt wurde…Liste

Alles in allem war es meiner Meinung nach aber ein rundum gelungener Ausflug: eine schöne Wanderung, gutes Wetter, gute Leute – das ca. 12-monatige Vorgeplänkel an Planung und Organisation könnte man meiner Meinung nach das nächste Mal allerdings weglassen..

Mir persönlich hat das Entlebuch äusserst gut gefallen, ich war einmal mehr überrascht, was für eindrückliche und total unterschiedliche Landschaften die Schweiz doch auf engstem Raum zu bieten hat. Die ausgedehnten Moorlandschaften in diesem UNESCO Biosphärereservat sind wirklich äusserst sehenswert und werden mich bestimmt noch ein, zwei weitere Male in den „Wilden Westen“ von Luzern ziehen!

Tschüss und bis zum nächsten Mal, euer Oberradiowanderer!

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