Gespinstmotten – die Christos der Tierwelt!

von Gespinstmotten befallener Baum

von Gespinstmotten befallener Baum bei Zernez (vermutlich eine Traubenkirsche)

Auf unserem Ausflug nach Zernez, stiessen wir auf ein gleichermassen faszinierendes wie auch grusliges Phänomen: Bäume, welche komplett kahl und weiss eingehüllt waren. Von weitem dachten wir zuerst, dass es sich einfach um einzelne abgestorbene Bäume handelt. Als wir dann aber immer wieder auf solche Bäume trafen, schauten wir uns das ganze mal von Nahem an.. und staunten nicht schlecht, als wir feststellten, dass wohl eine kleine Mottenart für dieses morbide Schauspiel verantwortlich war: die Gespinstmotte!

Gespinstmotte

Gespinstmotte

Bei den Gespinstmotten (Yponomeutidae) handelt es sich um eine Familie der Kleinschmetterlinge, welche (in Westeuropa) insgesamt 9 verschiedene Yponomeuta-Arten beinhaltet. Alle Falter dieser Familie haben weisse Vorderflügel mit feinen schwarzen Punkten und braungraue Hinterflügel mit gleichfarbigen Fransen, sowie ein schuppenloses „Fenster“ an der Flügelbasis.

Die verschiedenen Arten lassen sich aufgrund äusserer Merkmale nur schwer voneinander unterscheiden, da sie aber jeweils eine hohe Vorliebe für bestimmte Nahrungspflanzen haben (eine sogenannte Wirtspflanzenspezifität), lassen sie sich anhand ihrer Wirtspflanzen gut identifizieren (sofern man denn die entsprechende Wirtspflanze identifizieren kann..). In der Schweiz tritt der auffällige Befall durch Gespinstmotten meist an Traubenkirschen (Prunus padus) auf.

Entwicklungszyklus der Gespinstmotten (Ypnomeuta spp.)

Entwicklungszyklus der Gespinstmotten (Ypnomeuta spp.)

Die Falter schlüpfen im Hoch- bis Spätsommer. Anschliessend suchen die Weibchen nach geeigneten Futterpflanzen für ihre Nachkommen, wobei sie sich an spezifischen Dufstoffen der Wirtsbäume orientieren. Durch die Abgabe von Sexualpheromonen locken sie männliche Falter an, paaren sich und legen ihre Eier anschliessend in Häufchen von etwa 50 Stück ab (die Männchen sterben – wie so oft – nach der Kopulation). Bereits nach 3-4 Wochen schlüpfen die ersten kleinen Eiräupchen, welche das erste von 5 Larvenstadien der Gespinstmotte markieren. Diese Räupchen überwintern danach unter einem bräunlichen Schutzschild, bevor dann im kommenden Frühjahr (Anfang Mai) die Junglarven (Stadium II) dieses Schild verlassen und zu fressen beginnen. Zuerst ernähren sie sich vom Inneren von Knospen, anschliessend beginnen sie Blätter zu minieren (d.h. Blätter zwischen ihren Ober- und Unterhäuten aufzufressen) und bilden ihre ersten kleinen Gespinste (Larvenstadium III-IV). Die mittlerweile gut 5 mm grossen Raupen wandern danach zu den Triebenden und bauen mit zunehmendem Alter immer grössere schleierartige Gemeinschaftsgespinste. Diese Gespinste halten die Larvengruppen zusammen, dienen als Orientierungshilfe und bieten einen gewissen Schutz vor Witterungseinflüssen und Räubern (z.B. Vögeln). Sie sind äusserst reissfest und werden bei Beschädigung schon nach kurzer Zeit wieder ausgebessert. Im 5. Larvenstadium angekommen, die Gespinstmottenraupen sind mittlerweile ca. 20 mm lang, beginnt die grosse „Fresserei“: die Blätter des Wirtsbaumes (oder -strauches) werden nun von den Raupen komplett kahl gefressen!

Nachdem sich alle Larven vollgefressen haben verpuppen sie sich und anfangs Juli/August schlüpft die nächste Generation von Gespinstmottenfaltern.

Das, zumindest für mich, wirklich Erstaunliche dabei ist, dass der betroffene, befallene Baum dabei offenbar kaum längerfristigen Schaden erleidet. Da die Frasszeit der Raupen in der ersten Hälfte der Vegetationsperiode liegt, haben die betroffenen Pflanzen im Laufe de Sommers, oft bereits 2 bis 3 Wochen nach dem Kahlfrass, wieder die Möglichkeit auszutreiben. Es können dabei offenbar noch genügend Ersatztriebe gebildet werden, sodass die befallenen Gehölze meist lediglich einen vorübergehenden Zuwachsverlust erleiden. Aus diesem Grund ist es auch in den allermeisten Fällen nicht notwendig, mit pflanzenschützerischen Mitteln gegen diese Motten vorzugehen.

Solche massenhafen Auftreten von Gespinstmotten wie oben gehen nach einer gewissen Zeit stets durch natürliche Regelmechanismen zu Ende (meist bereits nach einem Jahr, z.T. kann eine solche Gradation aber auch bis zu 5 Jahren dauern). Dies kann durch ungünstige Witterungsbedingungen (niedrige Temperaturen, Frost, starke Niederschläge oder starker Wind), Eigenkonkurrenz oder auch durch Antagonisten wie Schlupfwespen, Raupenfliegen oder Ohrwürmer passieren. Zudem spielen Krankheiten, ausgelöst durch Viren, Fadenwürmer oder Pilze, eine Rolle in der natürlichen Regulierung der Gespinstmotten.

Ich hatte bis zu diesem Zeitpunkt noch nie einen solch komplett eingepackten und kahlgefressenen Baum oder Strauch gesehen oder überhaupt von dieser Mottenfamilie gehört. Für mich ein weiteres Beispiel für die unglaubliche Vielfalt, die uns umgibt – genau solche aussergewöhnlichen Phänomene, auch wenn sie im ersten Moment vielleicht morbid anmuten, machen für mich die Schönheit der Natur aus und faszinieren mich immer wieder aufs Neue!

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